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Die Theologie der Ikone

"Die orthodoxe Kirche und die Theologie der Ikone"

Die orthodoxe Kirche ist den Christen des Westens in der Regel fremd und weitgehend unbekannt. Dennoch ist seit den letzten 20 Jahren ein gesteigertes Interesse an der orthodoxen Kirche sowie auch an der Orthodoxie selbst in Deutschland erkennbar.

Mein Vortrag über die orthodoxe Kirche heute sollen Sie bitte als einen ersten Einstieg und als einen kleinen Wegweiser zum orthodoxen Glauben und der orthodoxen Kirchenstruktur sehen. Zunächst möchte ich Ihnen als Einstieg einige grundlegende Aspekte zur Orthodoxie und zum orthodoxen Glauben aufzeigen, bevor ich dann näher auf das Thema der Theologie der Ikonen eingehe.

Weltweit gibt es schätzungsweise 400 Mio. orthodoxe Christen. Offizielle Statistiken fehlen jedoch. Die orthodoxen Kirchen sind Glieder einer der Autokephalen Orthodoxen Kirchen, welche alle zusammen die "Eine Orthodoxen Kirche" weltweit bilden. Insgesamt gibt es zur heutigen Zeit 14 Autokephale Orthodoxe Kirchen, zu denen sowohl Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien, Jerusalem, Russland, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Georgien, Zypern, Griechenland, Polen, Albanien und Tschechien/Slowakei zählen sowie zwei Autonome Orthodoxe Kirchen, nämlich die von Finnland und Estland. Alle diese orthodoxen Kirchen haben denselben Glauben, denselben Gottesdienst, dieselben Sakramente, dieselbe Organisations- und Kirchenstruktur und dasselbe Kirchenrecht. Sie erkennen sich gegenseitig an und haben volle Kirchengemeinschaft miteinander, weshalb sich auch kanonische orthodoxe Kirchen genannt werden.

Doch was bedeutet nun der Begriff "Orthodoxie" oder "orthodox" überhaupt?

Grammatikalisch liegt dem Begriff "orthodox" das griechische Wort "orthodoxos" zugrunde, welches sich aus dem Adverb "orthos" (richtig) und dem Verb "dokeo" (meinen, glauben, bekennen) zusammensetzt. Somit könnte man diesen Begriff mit "richtiger Glaube" übersetzen. Weil aber richtiger oder rechter Glaube im Verständnis der Orthodoxen Kirche keine rein dogmatische, abstrakte und theoretische Lehre, sondern vielmehr Lobpreis des dreieinigen Gottes ist, bedeutet "Orthodoxie" zugleich "rechter Lobpreis Gottes". Der „rechte Glaube“ ist somit die Offenbarung Gottes durch Christus, die von der eucharistischen Versammlung, also von der Kirche, von Anfang an geglaubt worden ist und die in der Heiligen Schrift ihren Ausdruck fand. Diese Offenbarung ist der Glaube der Kirche, der Apostel und der Väter.

Die Begriffe „Tradition“ und „Erfahrungscharakter“ spielen im orthodoxen Kirchenverständnis eine wichtige Rolle.

Die Orthodoxie gründet sich auf die Erfahrung der Anwesenheit Gottes in der Geschichte, besonders auf die Erfahrung des Todes und der Auferstehung Christi. Deswegen hat auch ihre Theologie Erfahrungscharakter. Das wird durch die ganze Tradition der Kirchenväter, die den Maßstab für die orthodoxe Theologie bilden, bestätigt. Alle Glieder der Kirche nehmen in dem Maß, wie sie ihren Glauben erleben, an der theologischen Erfahrung teil.

Neben der Erfahrung nimmt auch die Tradition in der orthodoxen Kirche eine zentrale Rolle ein. In ihrem Mittelpunkt steht Christus selbst. Der Mensch tritt in den Strom der Tradition bei seiner Eingliederung in die Kirche. Durch die Tradition bleibt die Kirche in der vergänglichen Welt mit sich selbst identisch und lebendig. Sie bewirkt in Gestalt von Liturgie und Gottesdienst die Verbindung zum Ursprung des Lebens, zu Gott.

In der Orthodoxie ist Tradition jedoch kein abgeschlossenes Paket mündlicher und schriftlicher Lehrsätze, dass eine Generation der nächsten weiterreicht. Vielmehr ist sie gleichbedeutend mit dem Leben in Christus und aus Christus. Die Orthodoxie lebt die Tradition. Insbesondere die Eucharistie ist das Sakrament, in dem die Kirche ihre ganze Tradition anbietet.

Der entscheindendste Hüter und die Garantie der Tradition, der Überlieferung der apostolischen Lehre, ist die apostolische Sukzession. Auch im Glaubensbekenntnis wird auf die apostolische Kirche hingewiesen. Der Bischof, der Vorsteher der eucharistischen Gemeinde, die sich um ihn versammelt, muss in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche stehen und von ihr anerkannt und eingesetzt sein. Dieses geschieht in der Form der Handauflegung, der „Cheirotonie“. Dieses wird von mindestens zwei oder drei anderen Vorstehern vorgenommen, die als Werkzeug des Heiligen Geistes im Namen und Auftrag der Bischöfe, aller Ortskirchen und des Volkes handeln und die ebenfalls durch Handauflegung mit ihrem Amt betraut wurden. So werden die organische Zugehörigkeit zur Kirche und die Überlieferung des rechten Glaubens und des Lebens der Kirche selbst von Generation zu Generation gesichert. Dadurch, dass jeder Bischof von mehreren anderen Bischöfen die „Cheirotonie“ empfängt und in sein Amt eingesetzt wird und jeder Bischof während seiner Amtszeit mehrere andere Bischöfe in ihr Amt einsetzen kann, entsteht ein Netz von Handauflegungen, das sich über die ganze Kirche ausbreitet und bis auf die Apostel zurückgeht. Dies sichert und bewahrt die wahre Lehre der Kirche.

Doch was bedeutet im orthodoxen Kirchenverständnis der Ausdruck der „ganzen Kirche“ überhaupt und warum spricht die orthodoxe Kirche im Glaubensbekenntnis von "die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche"? Was versteht der orthodoxe Christ unter dem Begriff der „Katholizität“?

Die orthodoxe Kirche fühlt sich nicht als eine der christlichen Konfessionen im Rahmen des gespaltenen Christentums. Sie fühlt sich als die "eine, heilige, katholische und apostolische Kirche" des Glaubensbekenntnisses, als die unteilbare Kirche Christi, da ja die Kirche als Leib Christi unteilbar ist. Die orthodoxe Kirche hat die Ekklesiologie der Urkirchen treu bewahrt, so wie sie im Neuen Testament und den Schriften der Kirchenväter zu finden ist und wie sie die ununterbrochene Praxis der Kirchen unverändert überliefert hat. Die Kirche ist nach dem Neuen Testament der Leib des Herrn. Da es nur einen Leib Christi und ein eucharistisches Brot gibt, das die vielen zu eins macht, bildet auch die Kirche eine Einheit. Orthodoxe Kirchen existieren an vielen Orten, ihre Vielfalt jedoch ist verbunden mit ihrer Eigenschaft der "Katholizität". Denn jede Ortskirche, die in Gemeinschaft mit den anderen Ortskirchen steht, ist eine Erscheinung der einen Kirche. Der Begriff „Katholisch“ kommt vom griechischen „kathòlon“, das oft nicht ganz treffend mit dem Begriff „allgemein“ wiedergegeben wird. Es muss jedoch eher als „sich überallhin erstreckend“ oder „ganzheitlich“ verstanden werden. In diesem Sinn ist katholisch, die eine, sich überallhin erstreckende und ein Ganzes bildende Kirche mit vielen voneinander untrennbaren Gliedern, die so eng miteinander verbunden sind, dass sie ein Leib sind. Wo die Eucharistie gefeiert wird, ist die Fülle der ganzen, der katholischen Kirche.

Doch welchen Charakter besitzt nun der orthodoxe Glauben an sich? Was unterscheidet ihn nun vom christlichen Glauben des Westens?

Zwei wichtige Unterschiede werde ich Ihnen dazu nun kurz erläutern.

Ein wichtiges Merkmal des orthodoxen Glaubens, welches bestimmend ist für seine Identität, ist sein apophatischer Charakter. Das Wort apophatisch könnte man mit „unsagbar“ oder „unaussprechlich“ übersetzen. Es wird gebraucht, um die Unmöglichkeit jeder Aussage über Gott zu bezeichnen. Der Apophatismus der Ostkirche beruht aber im Vergleich zur Westkirche auf der Unterscheidung zwischen dem Wesen und den Energien Gottes. Durch seine Energien offenbart sich Gott und wird erkannt, sein Wesen aber bleibt unerkannt und unzulänglich.

Das Zentrum des Lebens und des theologischen Denkens der Orthodoxie ist die Auferstehung. Während man im Westen die Inkarnation und das Kreuz betont, wodurch Gott das Heil für die Menschen bewirkte, so preist man im Osten die Auferstehung, durch die die Menschen mit Christus zusammen in den Himmel geführt und die verklärte Materie in seinem Leibe zur Rechten Gottes gesetzt werden. Die orthodoxe Kirche fühlt sich vom strahlenden Licht der Auferstehung erfüllt inmitten einer von diesem Licht erleuchteten und verklärten Welt. So drehen sich der Gottesdienst der Orthodoxie, ihre Kunst, ihre Frömmigkeit und ihre Theologie um die Auferstehung. Die Auferstehung „führt uns Christus vom Tode zum Leben und von der Erde zum Himmel“, die Auferstehung „ist der Anfang eines anderen Lebens, nämlich des Ewigen“. Mit solchen Ausdrücken besingt die Ostkirche das Auferstehungsgeschehen und deshalb drängt sich das orthodoxe Christenvolk in der Osternacht in die Kirchen, um „das gute Wort“, die Auferstehungsbotschaft zu hören. In Anbetracht dessen hat man mit Recht die orthodoxe Kirche als „die Kirche der Auferstehung“ bezeichnet, denn sie lebt im Lichte der Auferstehung, die dem All das Leben geschenkt hat.

Abschließend zum Thema „Was ist Orthodoxie?“ lassen Sie mich noch ein paar Worte zur orthodoxen Kirche in der heutigen Zeit und zur Stellung der orthodoxen Kirche in Deutschland sagen. Die orthodoxe Kirche ist zwar die Kirche der Tradition, dennoch wird diese Tradition nicht durch Starrheit und Konservatismus, sondern durch Leben und Bewegung bewart. Das hat sich in der Geschichte der orthodoxen Kirche während der ganzen byzantinischen Epoche eindeutig gezeigt. Es gibt aber auch Zeiten, die von der Kirche Beständigkeit und Bewahrung erfordern. In Situationen äußerer und innerer Zwänge ist die konservative Haltung die einzige Möglichkeit, die Identität der Kirche zu bewahren. Dies bedeutet aber keineswegs, dass die Orthodoxie mit Konservatismus zu identifizieren sei und noch weniger, dass er ihr Ideal wäre.

Fast die einzige orthodoxe Kirche, die sich seit längerer Zeit frei entfalten kann, ist die griechische. Eines der charakteristischen Phänomene des religiösen Lebens in der griechischen Kirche war in den letzten hundert Jahren das Entstehen und das Aufblühen religiöser Bewegung. Ein wichtiger Anlass dafür waren die Schwierigkeiten, die nach der Befreiung von den Türken durch die Eingriffe der den Griechen von den Großmächten aufgezwungene Regierung in das Leben der orthodoxen Kirche entstanden. Es folgte die Aufhebung der meisten Klöster, die Säkularisierung breitete sich aus und an die Stelle der geistlichen Väter in den Klöstern traten Geistliche der Bruderschaften. An die Stelle der schwerfälligen Kirchenverwaltungen traten die organisierten und an die Erfordernisse der Zeit angepassten christlichen Bewegungen mit ihren speziell ausgebildeten Theologen. Das vorrangige Ziel dieser religiösen Bewegungen war und ist die moralische Erziehung des Volkes, die Abwehr materialistischer und atheistischer Strömungen durch Verkündigung und religiöser Zeitschriften, durch Erneuerung mittels Predigt und besonders Gottesdienst von extra dafür vorbereiteten Geistlichen.

Das Ergebnis der Tätigkeit dieser Bewegung ist im religiösen und sozialen Leben des heutigen Griechenland sichtbar. Im Rahmen dieser Entwicklung ist auch eine eindruckvolle Hinwendung zum orthodoxen Klosterleben festzustellen. Besonders der Heilige Berg Athos wurde wieder Anziehungspunkt für viele junge Männer. Trotz allem wird die orthodoxe Kirche weiterhin an ihren Quellen und Traditionen festhalten. Gerade in der russisch-orthodoxen Kirche ist ein Wiederaufflammen des liturgischen Lebens, die großen Bemühungen um die Verbreitung der Texte der Kirchenväter und die Besinnung auf die Quellen zu beobachten.

In Deutschland leben heute etwa 1,2 Mio. orthodoxe Christen. Die ersten orthodoxen Gläubigen kamen vor über hundert Jahren nach Deutschland. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem nach 1960 als „ausländische Arbeitnehmer“ nach Deutschland gekommen, wuchs ihre Zahl beträchtlich. Dazu kamen in der Folgezeit nach dem Zerfall des Kommunismus und der Öffnung der Grenzen nach Westeuropa weitere orthodoxe Gläubige hinzu.

Die Existenz der orthodoxen Kirchen in Deutschland ist also das Ergebnis eines mehrhundertjährigen Prozesses der Zuwanderung und Ansiedlung von Orthodoxen in Deutschland. Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke ist die Orthodoxie in Deutschland die drittstärkste christliche Kirche des Landes.

Ikonographie und Ikonenverehrung aus orthodoxer Sicht

„Gottes wirkliche konkrete Nähe“, so versteht sich die byzantinische Ikone wie sie getreu den Regeln und der Tradition gemalt wurde. Im Glauben, im Gebet und im Fasten gemalt, wird sie gleichsam Spiegelbild göttlicher Wirklichkeit. Wenngleich sie von Menschenhand geschaffen wurde, so weist sie dennoch in aller Demut und Bescheidenheit auf Übermenschliches hin. Und das tut sie in einer leicht verständlichen und sichtbaren Weise.

„Ikone“ ist ein griechisches Wort, das ursprünglich ganz einfach „Bild“ oder „Abbild“ bedeutete. Seit dem 6. Jh. Etwa wurde das Wort zur Bezeichnung besonderer Bilder, nämlich der Kultbilder der orthodoxen Kirche. Nicht die Herstellungsweise oder das Material, sondern das, was die Ikonen aussagen, charakterisiert sie und macht sie zu dem, was wir Ikone nennen.

Die Ikonen stehen in einer uralten Tradition, die bis in die frühchristliche Zeit zurückreicht. Viele Züge an ihnen, die bis auf den heutigen Tag von jedem Ikonenmaler gewahrt werden müssen, wenn er echte Ikonen fertigen will, wurden bis zum 8. Jahrhundert ausgebildet. Sie überdauerten auch den „Bildersturm“ des 7. und 8. Jahrhunderts, als der heftigste Streit der Kirchengeschichte ausgefochten wurde, nämlich der, ob es berechtigt sei, in den Kirchen Ikonen anzubringen und kultisch zu verehren. Im 7. Ökumenischen Konzil, das 787 n. Chr. in Nicäa tagte, bekannte sich die Christenheit des damaligen römischen Reiches zur Berechtigung des Ikonenkultes.

Im Folgenden werde ich Ihnen nun einen Auszug aus der Definition der Ikonenverehrung des VII. Ökumenischen Konzils zitieren:

„Wir definieren also mit aller Umsicht und Sorgfalt, dass die verehrungswürdigen und heiligen Ikonen, die auf dieselbe Art und Weise wie auch das verehrungswürdige und lebensspendene Kreuz mit Farben und Mosaiken oder aus einem anderen geziemenden Material in gebührender Weise gemacht worden sind, geweiht und in den heiligen Kirchen Gottes aufgestellt und in Ehren gehalten werden sollen. Ebenso soll man auch bei den heiligen Geräten und Gewändern, bei Wänden und Tafeln, in Privathäusern und auf öffentlichen Wegen verfahren: am meisten soll man die Ikone unseres Herrn, Gottes und Erlösers Jesus Christus aufstellen, sodann das unserer unbefleckten Herrin, der Gottesgebärerin, ferner der verehrungswürdige Engel und schließlich alle heiligen Männer. (...)So glauben wir, so sprechen wir, so verkündigen wir Christus unseren wahren Gott. Seine Heiligen verehren wir in Worten, Schriften, Gedanken, Opfern, in Kirchen, in Ikonen, Jenen (Christus) beten wir an und verehren ihn als Gott und Herr, die Heiligen aber verehren wir und erweisen ihnen die relative Anbetung, weil sie echte Diener des gemeinsamen Herrn sind."

Von allen christlichen Konfessionen hat die orthodoxe Kirche die Entscheidung dieses Konzils am konsequentesten in die Praxis ihres gottesdienstlichen Lebens aufgenommen. Die Ikonenverehrung wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Frömmigkeit eines jeden orthodoxen Christen. Die lange Praxis der Ikonenverehrung führte im Laufe der Zeit zu einem eigentümlichen Gepräge in der orthodoxen Kirchenkunst, das es zu beachten gilt, wenn man diese Kunst verstehen will.

Fast alle Ikonen, die wir heute haben, sind erst lange Zeit nach dem Konzil von Nicäa entstanden, denn die Wirren des Ikonenkampfes haben die wenigsten überlebt.

Jeder, der sich wirklich in die Ikonen vertieft, spürt sehr bald, dass ihnen eine Dimension eigen ist, die über das Kontingent hinausführt. In dieser Eigenschaft ist auch der Grund zu suchen, weswegen die Ikonen gegenwärtig sowohl auf gläubige als auch auf suchende Menschen eine große Faszination ausüben. In jüngster Zeit entdecken auch westliche Christen diese Ikonenkunst wieder.

Worin besteht jedoch das unverwechselbare Ikonengepräge, das uns in seinen Bann zeiht und die Ikone von der sonstigen Kirchenmalerei abhebt? Die Ikonen konfrontieren uns mit dem, was sie darstellen; sie wollen eine persönliche Begegnung mit dem „Urbild des Abbilds“ gewähren. Die wesentlichen Kirchenmaler seit der Gotik zeigen in ihren Gemälden hingegen subjektive Frömmigkeit in einem freien, von keiner Regel beschränkten Stil.

Während also die Ikonen den Herrn und Heiland Jesus Christus, die Heiligen und die erlösende Bedeutung der wichtigen Stationen der Heilgeschichte transzendent präsent machen, berichtet die westliche Kirchenmalerei das, was der Maler und seine Zeitgenossen empfanden, als sie ihr Herz zu Gott erhoben. Kein Wunder also, dass in der Kirchekunst des Westens ein Stil den anderen ablösen musste, und dass bei jedem Wandel der Frömmigkeit auch die Kirchenmalerei in eine Krise geriet. Der zeitbedingte ästhetische Wandel manifestiert sich bekanntlich in der unterschiedlichen Wertschätzung der nachfolgenden Generationen. Die zahllosen Umgestaltungen katholischer und evangelischer Gotteshäuser bezeugen nur, dass man bei jedem Wandel des Lebensgefühls auch nach einer neuen Kirchenkunst verlangte.

Die Ikonen sprechen hingegen nicht von dem, was sich beim Gebet auf Seiten des Menschen ereignet, vielmehr stellen sie dem Beter Gottes Selbstoffenbarung und sein Heilshandeln vor Augen. Darum können sie über Jahrhunderte hinweg dieselbe Botschaft verkünden, ohne der Erstarrung oder der Veränderung zu verfallen. Gottes Zuneigung zu uns Menschen unterliegt nämlich keinem Schwanken; die Heilstaten Christi betreffen die Menschen in jeder Generation in der gleichen und immer das ganze Menschengeschlecht einzubeziehenden Weise. Die großen Verheißungen von der Königsherrschaft Gottes, in die Christus uns einzuführen versprach, gelten unverändert für alle Generationen der Menschengeschichte. Das Evangelium ist gerade deshalb neu und veraltet nie, weil es gleich bleibend verkündet, dass jetzt und heute Gott den Menschen in Christus das Heil anbietet.

Deshalb sind die Ikonen in ihrer Darstellung an feste Regeln gebunden. Dennoch bleibt dem Maler noch sehr viel persönliche Freiheit. Man könnte einen Ikonenmaler mit einem Musiker vergleichen, der ein Musikstück nach den vor ihm liegenden Noten werkgetreu spielt und es dabei noch mit der ganzen schöpferischen Kraft seiner Persönlichkeit unverwechselbar macht und jedes Mal neu interpretiert.

Die Ikonenkunst stellt hohe Anforderungen an den Maler. Er muss hinter sein Werk zurücktreten. Er muss anonym bleiben. Wenn durch seine Hand eine Ikone entsteht, ist dies für ihn eine hohe Ehre. Doch ihm muss bewusst bleiben, dass er mit seinem Können dabei nur Werkzeug ist. Er hat die Ikone  nicht konzipiert, nicht entworfen; vielmehr ist sie nur ein sichtbarer Ausdruck dessen, was ihm als Glied der Kirche überliefert wurde. Wir wissen darum nur von wenigen Ikonen, aus wessen Hand sie hervorgingen.

Selbstverständlich hat der Ikonenmaler die Pflicht, seine Kunstfertigkeit zu steigern, weil selbst das Beste, was er zu leisten vermag, noch immer nicht ausreicht, seinem Dienst ganz gerecht zu werden. Noch wichtiger ist es jedoch für ihn, sich in das Evangelium und die geschriebene, gemalte, gepredigte und gelebte Christusverkündigung seiner Kirche zu vertiefen. Gleichzeitig muss er im Bestreben, seine Kunstfertigkeit zu steigern, selbst immer mehr in den Hintergrund treten, so dass er rein die Aussage der Ikone vermittelt. Er muss mit anderen Worten unablässig danach streben, „zur vollen Mannesreife zu kommen und das ganze Ausmaß der Fülle Christi zu erreichen“.

Nur wer „ohne Unterlass betet“, kann echte Ikonen malen. Wir sehen nur, was auf der Ikone gemalt ist und wie es gemalt ist. Was eine Ikone aber für einen orthodoxen Christen bedeutet, erfahren wir erst, wenn wir ihn im Umgang mit Ikonen beobachten. Die vielen Ikonen, die orthodoxe Christen in ihren Kirchen und Häusern haben, dienen nicht nur zum Anschauen, etwa als Hilfsmittel, um sich an eine Heilswahrheit oder einen Heiligen zu erinnern. Die Ikonen sind für den Gläubigen heilige Gegenständen. Vor ihnen verbeugt er sich oder wirft sich nieder, er küsst sie ehrfürchtig, er zündet vor ihnen Öllampen und Kerzen an.

Die Ikonen in den Kirchen werden vom Priester oder Diakon beim Gottesdienst ebenso beräuchert wie der Altar. In russischen Häusern war allgemein Brauch, als Besucher die Ikonen in der Stube zu verehren und erst dann die Hausbewohner zu begrüßen.

Was bedeutet diese Ikonenverehrung, die in manchen Zügen an die Verehrung der Monstranz in der römisch-katholischen Kirche erinnert?

Gemeinsam in der orthodoxen und römisch-katholischen Kirche ist die Tradition, Personen sowie alle sakralen Kultgegenstände, die mit dem Gottesdienst zu tun haben, zu weihen. Der Sinn der Weihe liegt darin, dass Gott durch Personen oder Gegenständen, die zur Welt gehören, in die Welt hineinwirkt, um gegenwärtig zu sein. So wird auch eine Ikone geweiht und erst durch die kirchliche Weihe wird sie vom Profanbild zur Ikone, durch die Gott selbst zugegen sein will. Deshalb ist es für die orthodoxen Christen selbstverständlich, dass einer Ikone große Verehrung dargebracht wird, denn die Verehrung, die dem Abbild erwiesen wird, gilt dem Urbild.

Darum erweisen die orthodoxen Gläubigen diesen Menschen die Ehre, zünden vor ihren Ikonen Kerzen an, verbeugen sich und küssen sie ehrfürchtig. Die Ikone als bemaltes Holz, Wandmalerei, Mosaik etc. hat an sich keinen theologischen Wert, sondern nur insofern sie auf das in ihr Abgebildete hinweist. Nicht das bemalte Holz also, das Fresko oder Mosaik, sondern die in der Ikone abgebildete Person verehrt der orthodoxe Gläubige. Dieser denkt nicht an einflussreiche Mittler, deren Wohlwollen er gewinnen will, wenn er beim Betreten der Kirche in einer für den Außenstehenden seltsame Zeremonie den Heiligen in der Gestalt der Ikonen seine Verehrung erweist. Der Gläubige hat damit nichts anderes im Sinn, als die Bewohner des Gotteshauses angemessen zu begrüßen, genauso wie er es auch im gesellschaftlichen Umgang in einer breiten Variation von Vertrautheitsgesten praktiziert. Die Gottesnähe der Heiligen, deren Leben die Realisierung der Bitte "geheiligt werde dein Name" darstellt, begründet deren Verehrung, die letztendlich dem gilt, dem sie ihre Herrlichkeit verdanken, denn "einer ist heilig, einer der Herr, Jesus Christus, in der Herrlichkeit Gottes des Vaters" (Göttliche Liturgie, Erhebung).

Das zunächst theoretische lässt sich an der Pantokratorikone sehr anschaulich verdeutlichen. Der Pantokrator symbolisiert das Gottesbild der byzantinischen Ikonographie. Wir sehen in ihm den Gott, der ewig unzugänglich ist und von dem wir uns keine Vorstellungen machen können. In sich bleibt er uns verborgen, jedoch offenbarte er sich uns als Mensch in Jesus Christus. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, heißt es im Johannesevangelium. Deshalb haben wir das Recht, Christus in seiner menschlichen Gestalt abzubilden und könne in diesem Bild zugleich den Vater erkennen. Wer also dem Vater nahe kommen will, der muss versuchen, Jesus, dem Mittler zu begegnen. In dessen Güte und Strenge, Heiligkeit und Erhabenheit sieht er den Vater. Derjenige begegnet einem Gott, der seinen Geschöpfen nahe ist, dessen Blick jeden erwartet, der niemanden abweist, dem alles Leid und Elend zu Herzen geht und der für alle, die ihn lieben und an ihn glauben, unendlich Großes bereit hält. Der Pantokrator auf den Ikone trägt das Evangelienbuch. Damit verkörpert Jesus die Rolle des Lehrers. Er lehrt seinem Volk, welches sich aus allen Völkerschaften der zusammengerufenen Kirchen zusammensetzt, eine Botschaft der Freiheit, Erlösung, der Liebe und der Menschenfreundlichkeit. Besonders eindringlich ist uns diese Botschaft in der Bergpredigt und in den Reden des Johannesevangeliums.

Wurde der Pantokrator mit einem aufgeschlagenen Evangelienbuch gemalt, so sind auf den aufgeschlagenen Seiten gewöhnlich Zitate der Evangelien zu lesen. Am häufigsten sind die Zitate „Kommt alle zu mir“, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, „Ich bin der gute Hirte“ und „Der Lehrer ist auch gleichzeitig der Richter“ niedergeschrieben.

So konfrontiert Jesus jeden mit „seinem“ Gesetz, in dem er dem Betrachter das Evangelienbuch entgegenhält. Jeder Mensch soll sich angesprochen fühlen und sich selbst hinterfragen, wie er zu diesem Gesetz steht. Letztendlich ist der Pantokrator der Weg zu Heil und Segen für jeden, der sich ihm freiwillig unterwirft.

Der Pantokrator vollzieht mit seiner Rechten die Segensgeste. Er ist es, von dem aller Gnadenssegen ausgeht, der die Welt und alle Menschen mit der Fülle seiner Gnade und seines Segens leitet. Er ist die Aufgipfelung, alles ist ihm zu Füssen gelegt, alles ist durch ihn und auf ihn geschaffen. Er ist das Haupt.

Eine Mahnung aus einem alten griechischen Handbuch des Ikonenmalers: „Mein Sohn, wenn du malst, dann halte an der Tradition und den Regeln fest, wie du es überliefert bekommen hast. Denn nur der Ketzer wagt es vom Urbild (Prototipon) abzuweichen. Wenn diejenigen, die später eine deiner Ikonen betrachten sollen, an dich allein dächten, dann hättest du deinen heiligen Auftrag schlecht ausgeführt.“

Ein Zitat des großen Ikonographen und Forscher des 20. Jahrhunderts Fotis Kontoglou: „Die Agiographie fängt erst an, wo die übliche Kunst aufhört. Denn diese kopiert in slawischer Treue natürliche Erscheinungen, um Gefühle hervorzurufen, die nicht in der Tiefenschicht der Seele erscheinen und ohne Geist sind.“

Die Ikonen sprechen weniger die Sinne als den Geist an. Sie versuchen die Menschen über das Materielle zu erheben.

Kann ein jeder die verschiedenen Ikonen „erleben“? Diese Frage ist sicher sehr schwer zu beantworten. In diesem Zusammenhang kann man sich auch die Frage stellen: Kann ein jeder Musik „erleben“?

Sind nicht die Ikonen eine Art Götzenbilder? Vielleicht gehen dabei ihre Gedanken an den Religionsunterricht ihrer Kinderjahre zurück. Alles, was der Mensch anfassen kann, kann zu einem Götzen werden. Die Ikone will eine Widerspiegelung des Göttlichen sein. Ein Gegenstand, der uns einlädt, einen Augenblick inne zu halten, Still zu werden und zu verweilen. Genauso, wie man einen Augenblick innehält, nachdem man das Bildnis eines geliebten Menschen hervorgeholt hat, um durch das Betrachten des Bildes das Wesen des geliebten Menschen zu erleben.

Ikonen sind Heiligenbilder, sie zu malen kommt einem Gottesdienst gleich. Sie sind für den gottesdienstlichen Gebrauch bestimmt, auch wenn sie ebenfalls in privaten Wohnungen verehrt werden. Ikonen sind Widerspiegelungen himmlischer Herrlichkeit, sie sollen in unser Leben hineinleuchten, damit Christus in uns mehr und mehr Gestalt gewinnt.

Für viele Kunstliebhaber sind Ikonen begehrte Sammlerobjekte, andere wiederum kaufen sie zu teuren Preisen, um ihr Kapital gewinnbringend anzulegen. Wir Orthodoxen aber zünden vor ihnen Kerzen an und verneigen uns tief vor ihnen.

Ich möchte Sie bitten, sich nun die Ikonen in aller Ruhe anzusehen. Nehmen Sie sich für die Ausstellung wirklich Zeit, verweilen Sie vor einer Ikone, die Sie „anspricht“. Richten Sie ein stilles Gebet an den Herrn, dessen Herrlichkeit dieses Bild in aller Demut darzustellen versucht. Dann kann es geschehen, dass Sie in der Ikone Leben verspüren. Ich danke Ihnen vielmals für ihre Aufmerksamkeit. Wenn Sie Fragen haben, stehe ich Ihnen natürlich sehr gerne zur Verfügung.

Quellen:

  • Galitis, Mantzaridis, Wiertz (1994): Glauben aus dem Herzen. Eine Einführung in die Orthodoxie. München.
  • Basdekis (2001): Die Orthodoxe Kirche. Eine Handreichung für nicht-orthodoxe und orthodoxe Christen und Kirchen. Frankfurt/M.